Wenn das Werkzeug zurückspricht: Design im Dialog mit KI
Ich saß kürzlich vor meinem Bildschirm und experimentierte mit Claude und Weavy AI. Tools wie Claude & Weavey AI versprechen viel – die Community scheint es zu bestätigen. Was früher Tage oder Wochen gedauert hätte, war jetzt in Sekunden möglich.
Wenn ich etwas so schnell erschaffen oder anpassen kann – wenn die Hürde für nachträgliche Anpassungen so niedrig ist, dass man verleitet ist, ständig anzupassen – was ist es dann noch? Ein fertiges Artefakt? Ein Produkt? Oder etwas ganz anderes?
Mir fiel dabei eine alte Beobachtung von Marshall McLuhan ein: "The medium is the message." Er meinte damit, dass nicht der Inhalt uns verändert, sondern die Art, wie das Medium selbst unsere Wahrnehmung strukturiert. Das Fernsehen hat unsere Kultur nicht durch seine Inhalte verändert, sondern dadurch, dass es überhaupt existierte.
Bei KI-Tools erlebe ich etwas Ähnliches – nur radikaler. Das Medium spricht zurück. Es beobachtet, interpretiert, schlägt vor. Die Frage ist nicht mehr: Wie benutze ich dieses Werkzeug? Sondern: Wie arbeiten wir zusammen? Das Werkzeug steht nicht mehr zwischen mir und der Aufgabe. Es ist Teil des Gesprächs geworden.
IDEO schlägt in ihrem Artikel "Mutualism: Designing for Mutual Benefit Between Humans and AI" einen Begriff aus der Biologie vor: Mutualism. Mutualistisch nennt man Beziehungen zwischen Arten, die sich gegenseitig nützen. Der Clownfisch und die Seeanemone. Bienen und Blüten. Beide Seiten bringen etwas ein. Beide entwickeln sich gemeinsam.
Der Vorschlag: Lasst uns die Technologie wie lebende Systeme behandeln. Technologie hat Bedürfnisse: Daten, Energie, Kontext, klare Intentionen. Menschen haben Bedürfnisse: Orientierung, Vertrauen, Kontinuität. Was entsteht, wenn wir diese Bedürfnisse nicht hierarchisch denken, sondern als gegenseitige Abhängigkeit?
Was in Minuten entsteht und in Sekunden angepasst werden kann, hört auf, sich wie ein Artefakt zu verhalten. Artefakte sind fertig, abgeschlossen, ausgeliefert. Organische Systeme funktionieren anders. Sie sind nie fertig. Sie passen sich ständig an.
Form und Funktion folgen dem Gespräch mit der KI. Der Dialog ist vorläufig. Nie wirklich abgeschlossen.
Beziehungsarbeit
Werkzeuge sind Verlängerungen des menschlichen Willens. Aber diese Metapher bricht zusammen, wenn das Werkzeug zurückspricht.
Die Arbeit mit Tools wie Claude ist ko-kreativ. Was am Ende entsteht, hätte keiner von uns beiden allein geschaffen. In einem interdependenten System lässt sich Autorenschaft nicht mehr eindeutig zuordnen.
IDEO nennt das Prinzip "Never go alone". Nicht: Wie benutze ich dieses Tool? Sondern: Wie entwickeln wir uns zusammen?
Als Designer habe ich 18 Jahre lang daran gearbeitet, einfache Lösungen für komplexe Technologien zu schaffen. Die Industrie hat sich radikal verändert: Designsysteme haben statische Designs abgelöst, Disziplingrenzen verschwimmen. Nie war es einfacher, eine Vision zu visualisieren oder zu coden. Mit Think Thing Design arbeite ich heute mit Unternehmen, die ko-kreative Systeme nicht nur durchdenken, sondern praktisch umsetzen. Die zentrale Frage: Wie gestalten wir Systeme, die sich mit uns entwickeln?
Was beide Seiten brauchen
Ein KI-System braucht qualitativ gute, kontextreiche, vertrauenswürdige Daten. Es braucht Feedback. Es braucht klare Intentionen.
Menschen brauchen Kontinuität trotz Wandel. Vertrauen in Prozesse. Ein Gefühl von Kontrolle.
Das ist das Spannungsfeld. Maximale Anpassungsfähigkeit einerseits – Erkennbarkeit andererseits. Wie bleibt etwas vertraut, wenn es sich jeden Tag verändert?
Die alte Designaufgabe war: das perfekte Artefakt schaffen. Die neue Aufgabe ist: die Regeln des Wandels gestalten. Prozesse entwerfen, die sich selbst entwerfen.
Den Übergang gestalten
Wir befinden uns in einem Übergang. Die alte Metapher – Computer als Werkzeug – trägt nicht mehr. Die neue Metapher – Computer als Partner, als Ko-Kreator, als lebendiges System – ist noch nicht ausformuliert.
Diese Fragen treiben mich in meiner Arbeit um:
- Wie gestalten wir Vertrauen in Systeme, die sich ständig verändern?
- Wie bewahren wir Handlungsfähigkeit in permanenten Prozessen?
- Was verlieren wir, wenn wir die Vorstellung von "Fertigstellung" aufgeben?
- Was gewinnen wir?
Wenn dich diese Fragen auch bewegen, lass uns sprechen.
McLuhans Frage bleibt zentral: Was ist hier eigentlich das Medium? Und was ist dessen Botschaft?
Vielleicht ist das Medium der Dialog selbst. Der permanente Austausch zwischen menschlicher Intention und maschineller Interpretation. Die Botschaft wäre dann: Nichts bleibt, wie es ist. Alles ist in Bewegung.
Und wir sind ein Teil davon.